In Deutschland wachsen keine Zitronen - Treibhausware kritisch betrachtet

Viele Verbraucher möchten auch im Winter nicht auf Kopfsalat, Tomaten, Gurken oder auf sonstige, ausgesprochene Sommerfrüchte verzichten. Die ganzjährig gleichbleibende Obst- und Gemüsevielfalt in den Supermärkten lässt die eigentliche Saison der jeweiligen Gartenfrüchte vergessen, zumal manche Supermärkte noch nicht mal in der Erntesaison Ware aus regionalem Anbau anbieten.

Außersaisonales Obst und Gemüse kann im Winter nur von dort herkommen, wo es warm ist: von der Südhalbkugel oder aus dem Treibhaus. In jedem Fall ist die Auswahl von nicht-saisonaler Frischware nicht klimafreundlich - sei es durch einen hohen Energieaufwand für Transporte oder durch den hohen Verbrauch von Heizenergie. Beide Male entstehen CO2-Emissionen, die in größerem Ausmaß einen Beitrag zur Erderwärmung, sozusagen zum globalen „Treibhauseffekt“ leisten.


Anbau von Treibhausgemüse in Deutschland

„Treibhausgemüse“ wird als Sammelbegriff für Gemüse verwendet, das mittels wärmeschützender Vorrichtungen kultiviert wird. Der überwiegende Teil der Gewächshäuser (82% in Deutschland) sind mit Glas bedeckt, ansonsten besteht die Abdeckung aus Folie oder Kunststoffplatten.

Der Gewächshausanbau hat in Deutschland eine relativ geringe Bedeutung. Generell wird hierzulande auf nur etwa 1,2% der landwirtschaftlich genutzten Fläche Gartenbau betrieben. Neben dem Gemüseanbau schließt dies auch den Zierpflanzenanbau, Obstanlagen, Baumschulen und sonstiges mit ein.
Die Anbaufläche allein für Gemüse belief sich im Jahr 2009 bundesweit auf etwa 132.830 Hektar. Nur knapp 1.700 Hektar dieser Gemüseanbaufläche befanden sich unter Glas. Das entspricht wiederum nur rund 1,2% der deutschen Gemüseanbaufläche.
Die meisten Betreiber von Gewächshäusern produzieren in Kombination mit Freilandkulturen oder haben sich auf bestimmte, empfindliche Pflanzenkulturen spezialisiert. Die „Top 8“ der unter Glas angebauten Gemüsearten sind in Deutschland Tomaten, Feldsalat, Gurken, Kopfsalat, Radieschen, Kohlrabi, Paprika und Rettich. Weitere übliche Gewächshauskulturen sind diverse Küchenkräuter.

Die bei weitem bedeutendsten Gemüsearten aus deutschem Anbau sind jedoch Spargel, Möhren, Speisezwiebeln und Kohlarten, die sämtlich dem Freilandanbau entstammen. In den Bundesländern Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz befinden sich die größten Gemüsebau-Standorte. Der Unterglasanbau ist in Rheinland-Pfalz marginal.
In Rheinland-Pfalz konzentriert sich der Gemüseanbau überwiegend auf den Rhein-Pfalz-Kreis sowie den benachbarten Landkreis Germersheim. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes Bad Ems wurden 2011 in Rheinland-Pfalz auf rund 18.500 Hektar Fläche circa 40 Gemüsearten angebaut. Der größte Anteil entfällt dabei mit 2.700 Hektar oder knapp 15% der Anbaufläche auf Radieschen, gefolgt von 1.600 Hektar Möhren und Karotten, 1.500 Hektar Bundzwiebeln (8,5% der Anbaufläche), 1.000 Hektar Blumenkohl (6,7%) Speisezwiebeln (6,5%) sowie Freiland-Feldsalat und Spargel (jeweils 6,2%). Diese sieben Gemüsearten beanspruchen laut statistischem Landesamt in Rheinland-Pfalz mehr als die Hälfte der Freilandflächen.

Aufgrund der hohen Energiekosten im Unterglasanbau stehen heimische Gemüsebaubetriebe bei Gemüsearten mit hohem Wärmeanspruch in harter Konkurrenz zu europäischen und nicht-europäischen Erzeugern. Gerade Deutschlands beliebteste Gemüsearten Tomate, Gurke und Paprika sind besonders kälteempfindlich. Zudem sind Tomaten bei Regen krankheitsanfällig, so dass sie nahezu vollständig unter Glas oder Folie kultiviert werden.
Steigende Energiekosten und deren ungleiche Besteuerung in den EU-Ländern verschärfen den internationalen Wettbewerb. Hinzu kommt, dass Transportkosten von Frischware aus klimatisch günstigeren europäischen Regionen beim Marktpreis keine adäquate Rolle spielen. Treibhauserzeugnisse werden daher in Deutschland in hohem Maße importiert, überwiegend aus den Niederlanden und Spanien, gefolgt von Italien, Belgien und Frankreich.


Ernährungsphysiologische Aspekte

Gemüse aus dem Unterglasanbau ist aufgrund seiner äußeren Vorzüge im Allgemeinen sehr beliebt. Die Ware ist in der Regel makellos und von zarter Beschaffenheit. Bei allen Witterungsverhältnissen sind die Gartenfrüchte unbeschmutzt und meist unübertroffen im Größen- oder Dickenwachstum.

Jedoch reicht Treibhausgemüse in Aroma und Nährstoffgehalten nicht an Freilandgemüse heran. Gerade die Umweltbedingungen – Licht, Luft, wechselnde Witterungsverhältnisse – prägen Konsistenz, Geschmack und Aroma der Freilanderzeugnisse nachhaltig. Die Pflanzen wachsen langsamer, so dass sie eine festere Konsistenz und mehr „Biss“ aufweisen. Die besseren Lichtverhältnisse im saisonalen Feldanbau führen zu einem höheren Zuckergehalt in der Pflanze und daher zu besserem Wohlgeschmack. Desgleichen führt die direkte Belichtung bei der Färbung im Reifeprozess zu einer Zunahme der sekundären Pflanzenstoffe.
Gemüse und Obst im regionalen Freilandanbau werden in der Regel vollreif geerntet. In Untersuchungen konnten beispielsweise bei Freilandtomaten im Vergleich zu Tomaten aus dem Gewächshaus um 1/3 höhere Vitamin C-Gehalte festgestellt werden.


Ökologische Aspekte

Neben der ernährungsphysiologischen Gemüsequalität ist, wie eingangs angedeutet, Treibhausgemüse vor allem aufgrund von ökologischen Aspekten umstritten.
Zwar wird nicht jedes Gewächshaus rund ums Jahr betrieben oder gar beheizt, bei außersaisonalem Frischgemüse oder Frischobst ist der energetische Erzeugungsaufwand in unseren Breiten allerdings enorm.
In einem statistischen Überblick nach Richter aus dem Jahre 2011 wird der Energiebedarf für beheizte Gewächshäuser in Deutschland derzeit noch zu über 90% mit Heizöl und Erdgas gedeckt. Die Beheizung mit nicht-fossilen, CO2-neutralen Brennstoffen oder sonstigen alternativen Energien ist noch vergleichsweise wenig verbreitet. Die stark negative CO2-Bilanz des Unterglasanbaus könnte vielfach durch Energiesparmaßnahmen gedrosselt werden. Die Energiesparpotentiale von sogenannten „Energieschirmen“ unter Glasdächern oder mögliche Verbesserungen der Abdichtung oder der technischen Klimaregulierung sind noch nicht ausgeschöpft. Auch regenerative Energieanlagen könnten die CO2-Bilanz erheblich begünstigen. Die Rentabilität solcher Investitionen steht in Abhängigkeit zu den geringeren Produktionskosten in konkurrierenden Erzeugerländern.

CO2-Bilanzen werden im Hinblick auf den globalen Treibhauseffekt bei verschiedenen Lebensmitteln gerne vergleichend berechnet.
Das Bayrische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit hat hierzu folgende CO2-Emissionswerte veröffentlicht:

Tabelle: Treibhausemissionen bei Unterglas- und Freilandanbau

CO2-Emission
(in g pro kg Lebensmittel)
Erzeugnis
Beheizter Unterglasanbau
Freilandanbau
  • Bohnen
6.360
220
  • Lauch
5.430
190
  • Kopfsalat
4.450
140
  • Gurken
2.300
170
  • Tomaten
9.300
85

Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit

Bei Tomaten aus dem Freilandanbau in Spanien wurden aufgrund des Transports Emissionswerte von 600 Gramm CO2 berechnet. Importe per Schiff oder LKW sind demnach unter Umständen günstiger zu bewerten als Ware aus dem Treibhaus im eigenen Land. Beim Einkauf von Gemüse und Obst sollte unter dem Aspekt „CO2-Emission" somit in erster Linie auf die Saison geachtet werden.

Ein konsequent umweltfreundlicher Verzicht auf außersaisonale Salate und Frischgemüse bedeutet auf den ersten Blick eine beachtliche Speiseplaneinschränkung. Die Vielfalt an lagerfähigem, heimischem Obst und Wintergemüse ist jedoch größer als so mancher ahnt.
Natürlich können wir in unseren Breiten keine Zitronen ernten und dem Verbraucher sollte es durchaus „gestattet“ sein, seine heimische Speisekarte durch exotische Früchte zu bereichern. Doch sollten einige heimische Gartenerzeugnisse wie frische Erdbeeren, Spargel oder Kirschen immer auch für kulinarische Highlights im Jahresverlauf vorbehalten bleiben, auf die man sich im Vorfeld freuen kann.

Kleine außersaisonale Ausnahmen für besondere Anlässe sind kein Problem. Entscheidend ist jedoch, welche Auswahl der Verbraucher überwiegend trifft. Eine nachhaltige Verhaltensweise spiegelt sich in dem Bewusstsein über den Gesundheitswert und eventuelle ökologische Konsequenzen der Lebensmittelauswahl wieder.


Quellen und weiterführende Informationen:





Annette.Conrad@dlr.rlp.de      drucken