Abplatzende Baumrinde – nicht immer ein Problem!

Wenn sich großflächig Rinde vom Baumstamm löst, schrillen bei vielen Gartenbesitzern die Alarmglocken: Liegt eine ernsthafte Erkrankung vor, sind Schädlinge am Werk, ist der Baum gar schon am Absterben? Die Befürchtungen sind nicht ganz unbegründet, doch in vielen Fällen ist es eine für die Pflanzenart typische Alterungserscheinung.
Um dies zu verstehen, muss man sich den Aufbau eines Baumes im Querschnitt ansehen: Dieser besteht aus dem Mark, dem Kernholz, dem Splintholz, dem Kambium, dem Bast und der Borke. Das Kambium ist die Wachstumszone, Bast und Borke werden zusammen als Rinde bezeichnet. Der Bast ist die „Lebensader“ des Baumes, verlaufen hier doch die „Transportwege“ für Wasser und Nährstoffe. Dagegen sind die Zellen der Borke abgestorben, erfüllen aber noch eine wichtige Schutzfunktion z.B. gegen äußere mechanische Verletzungen, gegen Frost oder Hitze. Bei Jungbäumen ist die Borke noch dünn und relativ glatt, mit zunehmendem Alter wird diese „abgestorbene“ Rindenschicht dicker. Während der „lebende“ Bast auch mit dem Dickenwachstum des Stammes mitwächst und so das Kambium und die darunterliegenden Holzschichten schützend umgibt, kann dies die Borke nicht mehr. In Folge des Dickenwachstumes entstehen daher in diesem Bereich Spannungen und die Borke reißt auf. Bei vielen Baumarten entsteht eine stark zerfurchte Rindenstruktur, die sich wesentlich vom Rindenbild der Jungbäume unterscheidet. Bröckelt von dieser Borke etwas ab, fällt dies überhaupt nicht auf, da nur sehr kleine Borkenschuppen abgestoßen werden. Auffälliger ist es bei Bäumen, die auch später noch eine recht glatte Rinde besitzen. Hier geschieht das Abplatzen in auffällig großen Rindenstücken oder abrollend und sich in Streifen lösend. Darunter wird dann die neugebildete Borke sichtbar, die oft eine andere Färbung hat. Sehr bekannt und auffällig ist dieser Vorgang bei Platanen. Bei vielen anderen Baumarten wie z.B. bei Birken, manchen Ahornarten (z.B. Zimtahorn - Acer griseum), Zierkirschen aber auch bei Obstbäumen wie Kirsche und Quitte ist dies mehr oder weniger stark zu beobachten. Es ist eine völlig natürliche Erscheinung, die sich unregelmäßig alle paar Jahre wiederholt. Besonders häufig tritt sie nach stärkeren Wachstumsschüben auf. Dieser natürliche Vorgang lässt sich sehr gut von Verletzungen oder Schäden durch Krankheiten und Schädlingen abgrenzen. Löst sich die Rinde in Folge der Alterung, so wird immer nur die äußerste Schicht abgestoßen und darunter ist stets bereits eine neue Rinde vorhanden. Liegt dagegen die Holzschicht frei (z.B. bei Frostrissen, Sonnennekrosen, mechanische Verletzungen), sind Fraßgänge (Holz- und Borkenkäferarten) oder ein Pilzgeflecht (Halimasch) zu finden, liegt eine Schadursache vor. Bei den beiden letztgenannten ist der Baum bereits am Absterben. Bei Verletzungen sind die Tiefe und die Größe der Verletzung im Verhältnis zum Stammumfang ausschlaggebend. Oberflächliche „Kratzer“, die nur die Borke betreffen, sind harmlos. Doch auch tiefere, die die Bastschicht und das Kambium beschädigen und bis aufs Holz gehen (z.B. Frostrisse, Astwunden), kann einBaum noch überwallen. Jedoch ist der Baum gefährdet, denn hier wurden die Eintrittspforten für Pilzerkrankungen geöffnet. Zudem ist in diesem Bereich auch die Versorgung des Baumes beeinträchtigt, da das Kambium an dieser Stelle zerstört ist. Entsprechend können sich Vertrocknungserscheinungen an Ästen im Versorgungsbereich zeigen. Je nach Größe der Beschädigung kann es Jahre dauern, bis sich die Rinde wieder vollständig über der Schadstelle geschlossen hat. Erst dann ist der „alte Zustand“ wieder hergestellt und die Gefahr gebannt.
Die Ausfallquote bei Verletzungen von Jungbäumen ist besonders hoch: Zum einen ist die Borke dünn, so dass die Verletzung in der Regel bis aufs Holz geht. Zum andern zerstört der „kleine Rasenmäher-Ratzer“ schnell ¼ oder sogar 1/3 des sich auf dieser Höhe befindlichen Kambiums mit entsprechenden Folgen für die darüber liegenden Stamm- und Astbereiche. Baumscheiben helfen solche Verletzungen zu vermeiden. Direkte Sonneneinstahlung kann neben Spannungsrissen auch zu großflächigen Sonnennekrosen führen. Hierdurch sind Jungbäume, insbesondere direkt nach der Pflanzung, ebenfalls besonders gefährdet. Sie haben noch keine große Krone, die den Stamm beschattet und durch den Standortwechsel oder das Aufasten können Stammbereiche stärker als in der Baumschule der Sonne ausgesetzt sein. Ein Stammanstrich (weiseln) oder Rohrmatten als Stammschutz schützen die Rinde vor Schädigung. Bei frischen Rindenverletzungen, bei dem noch Teile des Kambiums an der Schadstelle vorhanden sind, hilft oft ein sofort angebrachter Lehmverband. Er schützt das Kambium vor Austrocknung, so dass der Baum aus dieser Schicht Bast und Rinde erneuern kann.


© DLR


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Hier kommt jede Hilfe zu spät: Borkenkäferbefall und Hallimasch zeigen sich auch als Rindenschäden
Stammanstrich und Baumscheibe schützen vor Hitzeschäden bzw. Beschädigungen beim Mähen.











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